Beziehung retten oder beenden? Orientierung in der Krise

Wenn man als Paar in eine tiefe Beziehungskrise gerät, taucht oft die Frage auf: Sollen wir unsere Beziehung retten oder beenden? Sind Kinder im Spiel, wird diese Entscheidung besonders schwer. Dabei sind Konflikte und Beziehungskrisen normal und treten gerade bei Eltern häufiger auf als bei kinderlosen Paaren. Und sie sind kein Zeichen von Scheitern, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas Aufmerksamkeit und Veränderung braucht.

Entscheidend ist dann, wie Paare mit den entstehenden Herausforderungen umgehen: Gibt es noch gegenseitige Erreichbarkeit und Verantwortungsbereitschaft auf beiden Seiten? Und sind beide Partner bereit, sich ehrlich mit der Situation auseinanderzusetzen?

In diesem Artikel beleuchten wir:

  • wie Beziehungskrisen entstehen,

  • welche Belastungsfaktoren Krisen wahrscheinlicher machen – besonders bei Paaren mit Kindern,

  • und welche Faktoren eher schützend in einer Beziehung sind,

  • welche Zeichen dafür sprechen, dass eine Beziehung noch realistische Chancen hat,

  • welche Warnsignale darauf hindeuten, dass eine Trennung eher angezeigt ist,

  • und wie Eltern in dieser Situation gut mit ihren Kindern umgehen können.


Lesezeit 15 min


Wie kommt es zur Beziehungskrise?

Beziehungskrisen entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Und sie bedeuten auch nicht zwangsläufig, dass eine Partnerschaft am Ende ist. Krisen sind normaler Bestandteil von Paarbeziehungen, besonders in langen Partnerschaften und insbesondere dort, wo Kinder zur Partnerschaft gehören. Sie deuten darauf hin, dass Belastungen, äußere Umstände oder innere Muster sich so verändert haben, dass die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr passen oder es schlichtweg keine mehr gibt. Fühlt sich eine Krise sehr herausfordernd an, fragen sich viele Paare, ob sie ihre Beziehung retten oder beenden sollen und welcher Umgang mit den Kindern der richtige ist.

Lebensveränderungen, die Krisen verstärken können

Im Laufe einer Beziehung kommt es unweigerlich auch zu Belastungen. Dieses entstehen unter anderen durch äußere Umstände, die ein Paar nicht vollständig steuern kann. Dazu gehören:

  • Übergänge im Lebenslauf: Umzug, neuer Job, Jobverlust, berufliche Neuorientierung

  • Gesundheitliche Krisen: akute oder chronische Erkrankungen, plötzliche Verletzungen, psychische Belastungen

  • Große gemeinsame Projekte: Hauskauf, Hausbau, Familiengründung oder andere Entscheidungen, die Geld, Zeit und Energie binden

Solche Veränderungen bringen Stress, Unsicherheit und neue Rollen mit sich. Sie verlangen Anpassung. Und je mehr auf einmal passiert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer Beziehungskrise.

Belastungsfaktoren innerhalb der Beziehung

Neben äußeren Umständen prägen auch innere Muster und beziehungsinterne Dynamiken, wie stabil eine Beziehung bleibt.

Bindungsängste und Nähe-Distanz-Dynamiken

Unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Autonomie gehören zu fast jeder Beziehung. Unter Stress werden sie sichtbarer:

  • Wer Nähe braucht, fühlt sich schneller allein.

  • Wer Autonomie braucht, fühlt sich schneller eingeengt und überfordert.

Das kann zu Missverständnissen, Rückzug oder Vorwürfen führen.

Kommunikationsmuster

Krisen entwickeln sich leichter, wenn Paare

  • aneinander vorbeireden,

  • Konflikte vermeiden oder eskalieren lassen,

  • innere Listen führen („immer mache ich…“, „nie machst du…”),

  • emotionale Verletzungen nicht klären.

Solche Muster wirken schleichend und verstärken das Erleben von Distanz.

Fehlende Erholungszeiten

Dauerstress, egal wodurch er entsteht, schwächt die Fähigkeit, einander wohlwollend zu begegnen. Wenn Ruhe fehlt, fehlt auch die Kraft für Verbindung, Humor und konstruktive Gespräche.

Emotionale Vernachlässigung

Viele Paare rutschen unbemerkt in einen Alltag. Sie organisieren, erledigen, funktionieren. Und stellen irgendwann fest, dass sie zwar nebeneinander leben, sich aber kaum noch als Paar erleben. Das Notwendige schiebt sich vor die gemeinsame Zeit und Verbindung.

Belastungsfaktoren bei Paaren mit Kindern

Elternschaft bringt eine besondere Form der Belastung mit sich. Das Leben mit Kindern kann zugleich schön, erfüllend, aber auch sehr fordernd sein. Hier unterscheidet sich die Dynamik von Paaren ohne Kinder deutlich.

Schwangerschaft, Geburt & frühe Elternzeit

Längsschnittstudien zeigen, dass die Paarzufriedenheit nach der Geburt bei einem Großteil der Paare sinkt.

Gründe sind u. a.:

  • Schlafmangel

  • körperliche und emotionale Erschöpfung

  • neue Rollen und einhergehende Unsicherheiten und Ängste

  • unterschiedliche Erwartungen an Elternschaft

  • weniger Paarzeit

  • häufigere Konflikte in der Alltagsorganisation

Rollenverteilung & Mental Load

Die Forschung zeigt, dass in vielen Familien Frauen weiterhin den Großteil der unsichtbaren Aufgaben (Termine, emotionale Koordination, Organisation) tragen. Männer übernehmen oft stärker die Versorgerrolle.

Das führt zu:

  • Überforderung auf der einen Seite

  • Distanz und Ohnmachtsgefühlen auf der anderen

  • dem Gefühl, „nicht im selben Leben zu stehen“

  • Abhängigkeitsverhältnissen auf beiden Seiten, da Aufgaben immer mehr von nur einer der beiden Personen ausgefüllt werden

Weniger Paarzeit & Unvorhersehbarkeit

Selbst gut gemeinte Pläne („wir machen einen Abend für uns“) scheitern oft an:

  • Krankheiten der Kinder

  • Betreuungslücken

  • Erschöpfung

  • unvorhersehbaren Anforderungen

Die Paarzeit schrumpft, die Beziehung wird funktionaler, aber nicht verbindender.

Erhöhter Stress und weniger Flexibilität

Eltern haben weniger spontane Erholungsmöglichkeiten und müssen häufiger reagieren statt gestalten. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Streit, Resignation oder emotionalem Rückzug.

 

Was Studien zur Paarzufriedenheit nach der Geburt zeigen:

  • Die Paarzufriedenheit sinkt bei vielen Paaren deutlich in den ersten Jahren nach der Geburt.

  • Der Rückgang hat weniger mit „schlechter Beziehung“ zu tun als mit Schlafmangel, Belastung und Rollenstress.

  • Die Zufriedenheit steigt oft wieder, sobald Routinen entstehen, Kinder älter werden und Eltern mehr persönlichen Spielraum zurückgewinnen.

  • Paare, die früh über Belastungen sprechen und Verantwortung fairer verteilen, stabilisieren sich schneller.

 

Die Krise ist da – was jetzt wichtig ist

Wenn eine Beziehung in eine ernsthafte Krise gerät, entsteht oft ein innerer Druck, sofort eine Entscheidung treffen zu müssen: Bleiben oder gehen? Beziehung retten oder beenden?

Psychologisch sinnvoll ist jedoch meist das Gegenteil: erst einmal innehalten. Eine Krise ist ein Prozess und sie braucht Zeit, um verstanden zu werden. Übereilte Entscheidungen bringen zwar manchmal kurzfristige Erleichterung, auf lange Sicht lösen sich dadurch aber viele Probleme nicht.

Wo stehen wir gerade? – Orientierung und Beruhigung

Am Anfang steht nicht das Wohin, sondern das Woher und vor allem das Wo-Jetzt? Hilfreiche Fragen sind:

  • Ist das, was wir gerade erleben, akut (z. B. ausgelöst durch Stress, Überforderung, eine konkrete Situation)?

  • Oder ist es chronisch, z.B. ein Muster, das sich seit langer Zeit wiederholt?

  • Handelt es sich um eine Hürde, die grundsätzlich überwindbar ist?

  • Oder um etwas, das wahrscheinlich so bleiben wird und mit dem wir (als Paar) leben müssten?

Ebenso wichtig ist die Frage:

Liegt das Hauptproblem zwischen uns, also in der Dynamik der Beziehung?

Oder liegt es stärker in einem von uns, etwa durch eine Depression, eine Erschöpfung oder eine andere psychische Belastung?

Auch hier gilt: Individuelle Belastungen entstehen nie im luftleeren Raum. Selbst wenn eine Krise bei einer Person liegt, wirkt sie immer im Beziehungssystem und wird von diesem mitgeprägt. Sie erklärt etwas, ersetzt aber nicht den gemeinsamen Blick.

Gerade in dieser Phase kann es entlastend und klärend sein, eine Perspektive von außen einzubeziehen, da man manchmal im Inneren der Krise nicht mehr klar sehen kann.

Gibt es noch Kontakt, Erreichbarkeit und ein „Wir“?

Ein zentraler Punkt in der Orientierung ist die Frage nach der gegenseitigen Erreichbarkeit:

  • Können wir einander emotional noch erreichen? Dies bedeutet, dass Gefühle, wie Trauer, Wut oder Enttäuschung, aber auch liebevolle Gefühle den anderen noch erreichen und nicht ins Leere laufen.

  • Gibt es noch Gesprächsbereitschaft, auch wenn es schwierig ist?

  • Haben beide grundsätzlich Interesse daran, sich mit der Krise auseinanderzusetzen?

  • Oder geht es innerlich nur noch um Rückzug, Abwehr oder Selbstschutz?

Nicht entscheidend ist, ob es gerade gut läuft. Entscheidend ist, ob es noch ein gemeinsames Feld gibt, in dem beide Verantwortung übernehmen wollen.

Zwei Wege, die sich in einer Krise abzeichnen können

In vielen Krisen zeigen sich im Laufe der Zeit zwei mögliche Richtungen:

Weg A: Die Beziehung retten und erneuern

Dieser Weg bedeutet nicht, „einfach so weiterzumachen“. Er bedeutet, die Beziehung bewusst zu verändern:

  • Muster zu erkennen

  • Verantwortung neu zu verteilen

  • Bedürfnisse klarer zu benennen

  • alte Verletzungen aufzuarbeiten

  • neue Formen von Nähe, Autonomie und Partnerschaft zu entwickeln

Auch das ist ein Prozess, oft herausfordernd, aber für manche Paare sehr wachstumsreich.

Weg B: Die Beziehung verantwortungsvoll beenden

Eine Trennung ist nicht einfach ein einzelner Entschluss, sondern ebenfalls ein Prozess. Beziehung kann auch reif und verantwortungsvoll beendet werden, besonders dann, wenn Kinder involviert sind. Trennung bedeutet nicht, dass alles vorbei ist, sondern dass sich die Form der Beziehung verändert.

Keine einfachen Antworten – aber verantwortungsvolle Wege

Ob eine Beziehung gerettet oder beendet wird, hängt selten nur von der Frage ab, ob man sich liebt oder gerade verletzt ist. Es geht auch um:

  • langfristige Lebensvorstellungen

  • persönliche Entwicklung

  • Belastbarkeit

  • Werte und Bedürfnisse

  • Verantwortung für sich selbst

  • und – als Eltern – Verantwortung für die Kinder

Wichtig ist:

  • Zusammenzubleiben um jeden Preis ist nicht automatisch das Beste für Kinder.

  • Sich vorschnell zu trennen, obwohl Entwicklung möglich wäre, kann ebenso problematisch sein.

Kinder profitieren davon, Erwachsene zu erleben, die Krisen ernst nehmen, Verantwortung übernehmen und bewusst gestalten. Egal, ob der Weg gemeinsam oder getrennt weitergeht.

Wann eine Beziehung realistische Chancen hat

Belastungen werden als gemeinsames Problem verstanden

Ein wichtiger Schutzfaktor ist, wie Paare mit Stress umgehen. Studien zeigen: Paare haben deutlich bessere Chancen, wenn sie Belastungen als gemeinsames Problem betrachten („wir gegen das Problem“) – statt gegeneinander zu kämpfen. Dieses Teamverständnis wirkt stabilisierend, besonders in Phasen hoher äußerer Anforderungen.

Reparaturversuche funktionieren noch

In tragfähigen Beziehungen gelingt es Paaren, nach Konflikten wieder zueinander zu finden. Eine Entschuldigung, ein erklärender Nachsatz („So habe ich das nicht gemeint“), eine Geste von Nähe oder der Versuch, ein Missverständnis aufzulösen, können Reparaturversuche sein. Entscheidend ist, dass diese Versuche auch beim anderen ankommen: sie werden nicht dauerhaft abgewehrt, lächerlich gemacht oder ignoriert.

Positive Interaktionen und Wertschätzung sind noch vorhanden

Die Forschung von John Gottman zeigt: Stabile Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass positive Interaktionen die negativen deutlich überwiegen, auch in Konfliktphasen. Dazu gehören kleine Zeichen von Interesse, Humor, Wertschätzung oder Zuwendung im Alltag.

Verachtung ist nicht dauerhaft

Verachtung gilt in der Paarforschung als eines der stärksten Warnsignale. Sie zeigt sich weniger als einzelnes Gefühl, sondern als Ausdrucksmuster aus Abwertung, Sarkasmus und innerer Überlegenheit, das in der Kommunikation sichtbar wird. Wichtig ist jedoch: Verachtung ist auch ein Gefühl, oft Ausdruck von Überforderung, Ohnmacht oder alten Verletzungen. Sie kann in Krisen phasenweise auftreten, ohne dass die Beziehung verloren ist. Entscheidend ist, ob sie reflektiert werden kann, abnimmt und nicht zum dauerhaften Grundton der Beziehung wird.

Es gibt noch Berührung, Interesse und emotionale Regungen

Auch wenn Nähe schwierig geworden ist, ist entscheidend, ob es noch Interesse am inneren Erleben des anderen und Momente von Wärme, Mitgefühl oder körperlicher Nähe gibt.

Rückzug ist da – aber nicht absolut

Viele Menschen ziehen sich in Krisen zurück. Aber es gibt Unterschiede: Wechseln Phasen des Rückzugs und Phasen der Annäherung oder herrscht nur noch emotionale Abwesenheit? Beweglicher Rückzug ist oft ein Schutz. Vollständige Gleichgültigkeit hingegen ein ernstes Warnsignal.

Belastungen werden angesprochen, bevor innerlich Abstand entsteht

Paare, die Schwierigkeiten früh benennen, statt sich innerlich zu verabschieden, emotional einzufrieren oder sich still zurückzuziehen, können Krisen eher gemeinsam bearbeiten. Bevor Distanz unumkehrbar wird, ist es wichtig, dass überhaupt kommuniziert wird, nicht unbedingt wie gut.

Beide können Verwundbarkeit zeigen

Wenn Partner sich trauen zu sagen: „Ich bin verletzt.“, „Ich habe Angst.“ oder „Ich weiß gerade nicht weiter.” dann ist das ein starkes Zeichen für Beziehungspotenzial. Verwundbarkeit öffnet Räume, die Kontrolle, Angriff oder Rückzug verschließen.

Als Eltern: Kooperation bleibt möglich

Gerade bei Paaren mit Kindern ist ein wichtiger Indikator, ob Paare auf der Elternebene noch zusammenarbeiten können, auch wenn sie in einer Paarkrise stecken. Als Eltern weiterhin Absprachen treffen zu können, Verantwortung zu teilen und das Wohl der Kinder im Blick zu behalten spricht dafür, dass grundlegende Kooperationsfähigkeit vorhanden ist.

 

Paar sein und Eltern sein – zwei Ebenen

Paare können sich als Liebespartner trennen. Als Eltern trennen sie sich nie. Elternschaft bleibt bestehen – unabhängig davon, ob die Paarbeziehung fortgeführt oder beendet wird.

Deshalb ist es wichtig, in Krisen beide Ebenen mitzudenken:

  • die Paarebene (Nähe, Intimität, Partnerschaft)

  • die Elternebene (Verantwortung, Kooperation, Stabilität für die Kinder)

Diese Doppelverantwortung macht Entscheidungen komplexer, aber auch bewusster.

 

Warum Paare oft zu spät Hilfe holen

Obwohl viele Krisen überwindbar wären, suchen Paare häufig erst sehr spät Unterstützung. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Zeitmangel und Erschöpfung

    Gerade mit Kindern fühlt sich zusätzliche Unterstützung wie „noch ein Termin“ an, in einem ohnehin übervollen Alltag.

  • Kosten und Zugänglichkeit

    Paartherapie oder Beratung sind nicht immer leicht zugänglich oder finanzierbar.

  • Scham

    Viele Paare empfinden es als persönliches Versagen, Hilfe zu brauchen.

  • Hoffnung, es alleine zu schaffen

    Oder die Angst, durch professionelle Begleitung endgültige Klarheit zu bekommen.

  • Resignation

    Manchmal entsteht das Gefühl: „Es bringt sowieso nichts mehr.“

Die Forschung zeigt jedoch klar:

Je früher Paare Unterstützung in Anspruch nehmen, desto besser sind die Prognosen.

Frühe Hilfe kann verhindern, dass sich destruktive Muster verfestigen und die emotionale Distanz unüberbrückbar wird.

Wann eine Trennung eher angezeigt ist

Die Frage, ob eine Beziehung beendet werden sollte, ist eine der schwersten, die Menschen treffen. Es geht nicht um Bewertung und nicht um die Frage, ob jemand „versagt“ hat. Eine Trennung kann – so wie das Fortführen einer Beziehung – ein reifer, verantwortungsvoller Weg sein. Entscheidend ist, ob die Beziehung langfristig noch Entwicklung, Sicherheit und Würde für die Beteiligten ermöglicht.

Deutliche und weniger deutliche Warnsignale

Es gibt einige Hinweise aus der Forschung und der klinischen Praxis, die darauf hindeuten, dass eine Trennung eher angezeigt sein kann, besonders wenn sich diese Muster über längere Zeit zeigen.

Deutliche Warnsignale

Diese Signale sollten sehr ernst genommen werden, da sie auf eine dauerhaft schädigende Beziehungsdynamik hinweisen:

  • Chronische Verachtung

    Wenn Abwertung, Sarkasmus, Geringschätzung oder innere Überlegenheit dauerhaft den Ton bestimmen und nicht mehr reflektiert oder verändert werden können.

  • Wiederholte Muster ohne Veränderung

    Wenn dieselben Konflikte immer wieder auftreten, ohne dass sich trotz ernsthafter Bemühungen etwas verändert – Gespräche, Vereinbarungen oder Hilfe von außen führen zu keiner nachhaltigen Bewegung.

  • Absoluter emotionaler Rückzug und Gleichgültigkeit

    Wenn kein Interesse, keine emotionale Reaktion und kein Kontakt mehr vorhanden sind. Gleichgültigkeit gilt als eines der stärksten Zeichen für eine innerlich beendete Beziehung.

  • Gewalt, Machtmissbrauch oder massives Kontrollverhalten

    Jede Form von körperlicher, psychischer oder emotionaler Gewalt sowie systematisches Kontrollieren, Einschüchtern oder Abwerten sind klare Grenzen. In solchen Fällen steht Schutz vor Beziehungserhalt.

  • Wiederholte schwere Verletzungen ohne Verantwortungsübernahme

    Wenn Grenzverletzungen, Vertrauensbrüche oder Demütigungen stattfinden und der verletzende Teil keine Verantwortung übernimmt oder Veränderung zeigt.

Weniger deutliche, aber ebenfalls wichtige Warnsignale

Nicht alle Hinweise auf eine notwendige Trennung sind dramatisch. Manche sind leise, aber tiefgreifend:

  • Unvereinbare Lebensentwürfe

    Etwa unterschiedliche Vorstellungen von Familie, Arbeit, Nähe, Autonomie oder Lebensstil, die sich nicht integrieren lassen.

  • Sehr unterschiedliche Werte oder Bedürfnisse

    Wenn zentrale Werte dauerhaft kollidieren und keine tragfähigen Kompromisse möglich sind.

  • Das Gefühl, ein Leben leben zu müssen, das man selbst nicht wählen würde

    Wenn die Beziehung langfristig bedeutet, sich selbst, eigene Bedürfnisse oder Entwicklungsmöglichkeiten aufzugeben.

Diese Signale sind nicht automatisch ein Trennungsurteil, aber sie brauchen Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit.

Trennung ist kein Scheitern, sondern ein Weg

Eine Trennung ist kein einzelner Entschluss, sondern ein Prozess. Sie kann überlegt, respektvoll und verantwortungsvoll gestaltet werden – besonders dort, wo Kinder involviert sind. Paare können sich trennen. Eltern bleiben Eltern. Kinder profitieren weniger davon, dass Eltern „um jeden Preis zusammenbleiben“, sondern davon, dass sie in einem Umfeld aufwachsen, das emotional sicher ist. Eine hoch konflikthafte Beziehung belastet Kinder oft stärker als eine gut begleitete Trennung mit kooperierenden Eltern. Getrennte Eltern können – und müssen – kein perfektes Team sein. Aber sie können ein funktionierendes Elternteam werden, wenn sie Verantwortung übernehmen, den Konflikt begrenzen und das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt stellen. Manchmal ist eine gute Trennung heilsamer als der Versuch, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, die dauerhaft verletzt. Beides erfordert Mut, Reife und Verantwortung.

Trennung mit Kindern: Orientierung geben, Sicherheit schaffen

Eine Trennung mit Kindern ist mehr als eine Entscheidung zwischen zwei Erwachsenen. Sie betrifft ein ganzes Familiensystem – und sie beginnt oft in einer Phase großer innerer Unordnung. Deshalb ist es wichtig zu verstehen: Nicht nur Kinder brauchen Orientierung, sondern auch Eltern.

Bevor Eltern ihren Kindern erklären können, was passiert, müssen sie für sich selbst zumindest grob klären, wohin es geht und wie sie diesen Weg gestalten wollen. Gleichzeitig ist vielen Eltern bewusst, dass ihre Kinder die Stimmung im Haus spüren, selbst wenn noch nichts ausgesprochen wurde. Sie nehmen Spannungen wahr und entwickeln eigene Erklärungen, die oft belastender sind als eine ehrliche, ruhige Einordnung.

Trennung mit Kindern bedeutet deshalb immer ein Abwägen: zwischen Ehrlichkeit und Überforderung, zwischen Schutz und Einbeziehung, zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Rückzug und der Verantwortung, für die Kinder präsent zu bleiben.

Was Kinder am meisten belastet

Nicht die Trennung an sich ist für Kinder am belastendsten, sondern das, was sie davor, währenddessen und danach erleben.

Besonders belastend sind für Kinder:

  • Dauerhafter Streit und Abwertung zwischen den Eltern

  • Unsicherheit darüber, was passiert und wie es weitergeht

  • Das Gefühl, dass ein Elternteil den anderen ablehnt oder abwertet

  • Loyalitätskonflikte, in denen Kinder glauben, sich entscheiden zu müssen

  • Die Rolle als Vermittler oder emotionale Stütze für einen Elternteil

Kinder erleben beide Elternteile als Teil von sich selbst. Wenn ein Elternteil abgewertet wird, fühlt sich das für Kinder oft an, als würde auch ein Teil von ihnen selbst nicht da sein dürfen. Oft halten Kinder dann etwas zurück, versuchen zu vermitteln oder zu beschwichtigen auf eigene Kosten. Da ist es entscheidend, dass Eltern – unabhängig von ihren Paarproblemen – als Eltern einen respektvollen Umgang finden.

Wichtig ist auch zu verstehen, dass das, was Eltern in einer Trennung am meisten belastet (Verlust, Wut, Enttäuschung), nicht automatisch das ist, was Kinder am stärksten belastet. Für Kinder steht meist im Vordergrund: Bin ich sicher? Bleibt mein Alltag verlässlich? Sind meine Eltern weiterhin für mich da? Bleiben Mama und Papa?

Auch nach einer Trennung sitzen alle im selben Boot: Sie sind weiterhin Familie, aber in einer neuen Form. Diese neue Ordnung braucht Zeit, Struktur und gemeinsame Verantwortung.

Was Kindern hilft

Kinder kommen mit Trennungssituationen deutlich besser zurecht, wenn bestimmte Schutzfaktoren gegeben sind:

  • Klarheit und Struktur

    Klare Abläufe, feste Zeiten und vorhersehbare Regeln geben Kindern Halt

  • Emotionale Sicherheit

    Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie geliebt sind und bleiben

  • Kooperative Elternschaft

    Wenn Eltern als Team funktionieren können, auch wenn sie kein Paar mehr sind, wirkt das stark stabilisierend.

  • Verlässliche Kommunikation

    Absprachen sollten möglichst klar und konsistent sein, damit Kinder nicht zwischen widersprüchlichen Botschaften stehen.

  • Eltern, die ihre eigenen Emotionen regulieren

    Eltern müssen nicht perfekt sein. Aber es hilft Kindern enorm, wenn Erwachsene ihre eigenen Gefühle nicht ungefiltert bei ihnen abladen und trotzdem ansprechbar bleiben.

  • Raum für Beziehung

    Anders als kinderlose Paare können Eltern sich nicht einfach vollständig zurückziehen. Sie müssen immer wieder in ihre Elternrolle zurückkehren, auch wenn sie selbst erschöpft sind.

    Gleichzeitig brauchen auch Eltern Räume für sich – allerdings oft zeitversetzt und organisiert. Das erfordert viel Reflexion, Abstimmung und Selbstfürsorge.

Wie man Kindern den Übergang erleichtert

Ein Übergang wird für Kinder leichter, wenn er begleitet, erklärbar und verlässlich gestaltet wird.

  • Wenn möglich: gemeinsam kommunizieren

    Eine gemeinsame Erklärung signalisiert Sicherheit und Zusammenhalt auf Elternebene.

  • Altersangemessene Erklärungen

    Kinder brauchen keine Details, aber sie brauchen Verständlichkeit. Wichtig ist, dem zu folgen, was Kinder fragen oder äußern.

  • Ehrlich und ruhig bleiben

    Ehrlichkeit schafft Vertrauen. Ruhe signalisiert: Die Erwachsenen haben die Situation im Blick.

  • Klare Regeln und stabile Bindung zu beiden Eltern

    Kinder sollten wissen, wo sie wann sind und dass beide Eltern emotional erreichbar bleiben.

  • Keine Kompensation durch materielle Dinge

    Geschenke oder „alles erlauben“ aus schlechtem Gewissen ersetzen keine emotionale Verfügbarkeit.

  • Rituale und Kontinuität

    Wiederkehrende Rituale, vertraute Abläufe und feste Bezugspunkte helfen Kindern, sich zu orientieren.

Eine Trennung mit Kindern ist eine große Herausforderung. Sie verlangt Organisation, emotionale Arbeit und immer wieder bewusste Entscheidungen. Eltern müssen dabei viel leisten und das parallel zu eigener Trauer, Wut oder Erschöpfung. Und trotzdem zeigt die Forschung: Kinder können diese Phase gut bewältigen, wenn sie sich sicher, ernst genommen und emotional begleitet fühlen.

Orientierung: Wie finde ich heraus, welcher Weg der richtige ist?

In Beziehungskrisen entsteht oft der Wunsch nach einer schnellen, eindeutigen Antwort. Entscheidungen werden jedoch tragfähiger, wenn sie aus Reflexion, Zeit und innerer Klarheit entstehen und nicht aus Druck, Angst oder Erschöpfung.

Reflexionsfragebogen zur Orientierung

Die folgenden Fragen sind keine Checkliste mit Punkten, sondern ein Reflexionsbogen, der helfen soll, innere Klarheit zu gewinnen. Er kann allein, gemeinsam oder mit professioneller Begleitung bearbeitet werden.

Beziehungsdynamik und Verbindung

  • Fühlen wir uns grundsätzlich noch gegenseitig erreichbar – emotional, nicht nur organisatorisch?

  • Gibt es auf beiden Seiten Willen und Hoffnung, an der Beziehung zu arbeiten?

  • Erleben wir uns noch als Wir oder nur noch als zwei Einzelne im selben System?

Verletzungen und Belastungen

  • Sind die zentralen Verletzungen überwindbar oder erleben wir sie als existenziell?

  • Werden Verantwortung und Reparatur ernsthaft übernommen oder wiederholen sich Verletzungen?

Kinder und Familiensystem

  • Wie geht es den Kindern im aktuellen Klima – emotional, körperlich, im Alltag?

  • Was erleben wir mehr: Konflikt und Spannung oder Stabilität und Sicherheit?

Langfristige Perspektive

  • Welche Beziehung wäre für uns langfristig gesünder – gemeinsam oder ohne einander?

  • Wie sieht unser Leben in 12 bis 24 Monaten aus,

    • wenn wir bleiben und die Beziehung aktiv verändern?

    • wenn wir uns trennen und neu ordnen?

Eigener Lebensentwurf

  • Entspricht diese Partnerschaft noch unserem Lebensentwurf, unseren Werten und Bedürfnissen?

  • Lebe wir ein Leben, das wir bewusst wählen würden oder halte wir etwas aufrecht, das uns dauerhaft begrenzt?

Muster und Wiederholungen

  • Sind die Schwierigkeiten beziehungsspezifisch oder trage wir ähnliche Muster auch aus früheren Beziehungen mit uns?

  • Würden uns diese Themen wahrscheinlich auch in einer neuen Partnerschaft begleiten?

Diese Fragen müssen nicht alle sofort beantwortet werden. Oft entsteht Klarheit im Prozess, nicht im ersten Durchgang. Reflexionsarbeit im Coaching kann zusätzlich helfen, eigene Werte, Ziele und Handlungsmöglichkeiten jenseits der Paardynamik zu klären. Dadurch entsteht mehr innere Klarheit darüber, welche Entscheidungen sich langfristig stimmig anfühlen.

Der dritte Weg: Nicht sofort trennen – aber auch nicht zwanghaft bleiben

Zwischen „Wir bleiben zusammen“ und „Wir trennen uns“ gibt es einen dritten, oft sehr hilfreichen Weg: Orientierung ermöglichen.

Mögliche Schritte können sein:

  • eine bewusste Orientierungs- oder Trennungsphase, ohne endgültige Entscheidung

  • räumliche Entlastung (z. B. getrennte Wohnbereiche oder zeitweise Distanz)

  • Elternberatung oder Mediation, um die Elternebene zu stabilisieren

  • Paarberatung oder Paartherapie, auch zeitlich begrenzt

  • niedrigschwellige Schritte, die Druck rausnehmen, ohne Dinge zu verdrängen

Man muss eine Krise nicht sofort „lösen“. Man darf Phasen einleiten, prüfen, innehalten und nachjustieren. Orientierung ist oft der entscheidende Zwischenschritt zu einer reifen Entscheidung. 

Fazit: Krisen sind Ausgangspunkte für neue Prozesse

Beziehungskrisen sind Wendepunkte, keine Urteile über Liebe, Charakter oder Liebesfähigkeit. Sie fordern dazu auf, ehrlich hinzuschauen: auf sich selbst, auf die Beziehung, auf das, was trägt – und auf das, was nicht mehr geht.

Sowohl das Retten und Erneuern einer Beziehung als auch das verantwortungsvolle Beenden können gute, reife Wege sein. Gerade mit Kindern geht es nicht um perfekte Lösungen, sondern um Sicherheit, Klarheit und emotionale Verlässlichkeit.

Oft müssen alte Bilder losgelassen werden, wie die Vorstellung von der perfekten Familie, die Idee der konfliktfreien Partnerschaft oder den Lebensentwurf, den man lange für selbstverständlich gehalten hat. Das kann dazu führen, dass Beziehungen ehrlicher, tragfähiger und lebendiger werden. Oder dazu, dass man sich erlaubt, eine Beziehung zu beenden. Beides ist schmerzhaft. Beides bedeutet Abschied von Erwartungen, Plänen, Sicherheiten. Und beides muss niemand alleine gehen. Unterstützung, Begleitung und Zeit sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife.

 

Quellen:

  • Gottman, J.M. & Silver, N. (2015). The Seven Principles for Making Marriage Work.

  • Bodenmann, G. (2019). Stress und Coping bei Paaren.

  • Amato, P.R. (2010). Research on Divorce: Continuing Trends and New Developments.


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