Verlustangst verstehen: Wie ein ängstlich-ambivalenter Bindungsstil Beziehungen prägt
„Hab ich etwas Falsches gesagt?”, „Warum meldet er/sie sich nicht?”, „Mein Partner liebt mich vielleicht gar nicht wirklich und will mich vielleicht verlassen” - das Gedankenkarussell steht bei Menschen, die Angst vor Zurückweisung und Verlust haben, selten still. Du wünschst dir doch eigentlich nur Nähe, aber deine Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf alle Anzeichen, die darauf hindeuten könnten, diese Nähe zu verlieren - und du versuchst dann, das zu verhindern. Mit mehr Kontakt, mit mehr Nachfragen, mit mehr Dich-Anpassen. Oft mit dem gegenteiligen Resultat: Partner erleben dein Verhalten als Klammern oder Kontrolle, ziehen sich zurück. Enttäuschung und Verzweiflung bleiben. Und das Gefühl, allein zu sein.
Vielleicht hast du dich schon öfter gefragt: Warum ziehe ich immer die Falschen an? Warum fühle ich mich in Beziehungen oft so unsicher? Warum bin ich so eifersüchtig? Bin ich nicht gut genug?
Trotz bester Vorsätze, guter Kommunikationstipps oder dem Versuch, in der nächsten Beziehung „alles besser zu machen“, bleibt das Grundproblem oft bestehen. Weil es tiefer liegt: in unseren früh erlernten Bindungsmustern.
In diesem Artikel erfährst du:
wo Beziehungsprobleme oft herrühren,
was Bindungsstile sind und wie sie entstehen,
woran du einen ängstlich-ambivalenten Stil erkennst,
wie dieser Stil deine Beziehungen beeinflusst,
warum Verlustangst nicht dasselbe ist wie Bindungsangst,
und was dir helfen kann, aus alten Mustern liebevoll auszusteigen.
Lesezeit 15 min
Warum Beziehungsprobleme oft tiefer liegen, als wir denken
Viele Beziehungsprobleme entstehen nicht durch mangelnde Liebe oder fehlende Kommunikation, sondern sie entstehen aufgrund unserer Bindungsstile, mit denen wir in eine Beziehung gehen und sie gestalten. Bindungsstile entwickeln sich früh in der Kindheit und zwar in der Art und Weise, wie wir Beziehung erlebt haben: Ob jemand für uns da war. Wie zuverlässig Zuwendung war. Wie fein auf unsere Bedürfnisse reagiert wurde. Ob wir gesehen wurden. Oder eben nicht.
Ein besonders häufiges Muster, das sich daraus entwickeln kann, ist der ängstlich-ambivalente Bindungsstil, im Erwachsenenalter auch als “besorgter Bindungsstil” oder im Englischen “anxious-preoccupied” bekannt. Menschen mit diesem Bindungsstil haben vor allem eine starke Angst vor dem Verlassenwerden – weniger Bindungsangst, wie es beim vermeidenden Stil oft der Fall ist. Es geht ihnen nicht darum, sich von Nähe zu befreien, sondern darum, sie unbedingt zu halten. Um (fast) jeden Preis.
Diese Menschen sehnen sich nach Verbindung, nach Sicherheit, nach Bestätigung – und geraten dadurch oft in Beziehungen, in denen genau das nicht dauerhaft gegeben ist. Besonders häufig ziehen sie Partner:innen mit vermeidendem Bindungsstil an. Dann prallen zwei Ängste aufeinander: die Angst vor Bindung auf die Angst vor dem Verlust.
Solange diese Dynamiken unbewusst bleiben, helfen auch Trennungen oder neue Partner oft nur kurzfristig. Die Muster bleiben – bis wir sie bewusst erkennen und verändern.
Was sind eigentlich Bindungsstile?
Der Begriff Bindungsstil stammt aus der Bindungstheorie von John Bowlby, einem britischen Psychoanalytiker, der als Erster erkannte, wie prägend die emotionale Bindung zwischen Kind und Bezugsperson für die gesamte psychische Entwicklung ist. Seine Kollegin Mary Ainsworth untersuchte diese frühen Bindungsmuster in den 1970er-Jahren in ihrer berühmten „Fremde-Situation“-Studie und identifizierte zunächst drei grundlegende Bindungsstile bei Kleinkindern:
1. Sicher gebunden: Das Kind erlebt die Bezugsperson als zuverlässig, tröstend und emotional verfügbar. Es kann Nähe zulassen, vertraut auf Bindung – und entwickelt ein stabiles Selbstwertgefühl.
2. Unsicher-vermeidend: Die Bezugsperson reagiert oft distanziert oder ablehnend. Das Kind lernt, seine Gefühle zurückzuhalten und möglichst unabhängig zu wirken – um sich vor Zurückweisung zu schützen.
3. Unsicher-ambivalent (auch: ängstlich-ambivalent): Die Bezugsperson ist unberechenbar – mal liebevoll, mal abweisend. Das Kind klammert sich an sie, erlebt viel Unsicherheit, intensive Verlustangst und emotionale Überforderung.
Später ergänzten Mary Main und Judith Solomon einen vierten Stil:
4. Desorganisiert: Das Kind erlebt die Bezugsperson als zugleich angstauslösend und schützend – etwa durch Vernachlässigung, Missbrauch oder traumatische Erlebnisse. Das Bindungsverhalten ist widersprüchlich, unvorhersehbar und oft von innerer Erstarrung begleitet.
All diese Muster wirken tief – und sie beeinflussen auch im Erwachsenenalter unser Beziehungserleben: Wie wir Nähe erleben, wie wir mit Konflikten umgehen, wie sehr wir uns selbst vertrauen und anderen Menschen öffnen können.
Wie entsteht ein ängstlich-ambivalenter Bindungsstil?
Ein ängstlich-ambivalenter Bindungsstil entsteht, wenn die Beziehung zu den Eltern oder anderen nahen Bezugspersonen vom Kind als widersprüchlich erlebt wird. Dabei geht es nicht darum, ob Eltern liebevoll sind oder nicht, sondern darum, wie beständig und verlässlich sie sind. Auch und gerade auf emotionaler Ebene.
Wenn großer Nähe, Zuwendung und Wärme auf der einen Seite, sich mit Momenten von Rückzug, Überforderung oder Ablehnung auf der anderen Seite abwechseln, kann dies zu Unvorhersehbarkeit und Verwirrung führen: Das Kind weiß nie genau, woran es ist – und wann die Verbindung wieder kippt.
Was oft (unbewusst) auf der Seite der Eltern geschieht:
Eltern, die selbst überfordert oder innerlich angespannt sind, zeigen oft ein Wechselspiel aus liebevoller Zuwendung und emotionalem und/ oder physischem Rückzug. Manchmal äußert sich das auch in Kritik, übermäßiger Kontrolle oder in unechtem Lob.
Auch überfürsorgliches Verhalten (Helikopter-Stil), das dem Kind wenig Raum für eigene Impulse lässt, kann Verunsicherung fördern – zum Beispiel, wenn Zuwendung an Leistung, „Bravsein“ oder bestimmte Erwartungen geknüpft ist.
Was sich daraus für das Kind ergibt:
Wenn ein Kind immer wieder das Gefühl bekommt, „zu viel“ oder „nicht richtig“ zu sein und sich der Nähe nicht sicher sein kann, entwickelt es oft eine sogenannte „hyperaktivierende Bindungsstrategie”: Es versucht, Nähe aktiv herzustellen – durch besonders angepasstes Verhalten, durch Leistung, durch intensive Gefühlsäußerung oder übermäßiges Kümmern. Denn Nähe wird nie als wirklich sicher erlebt. Das Bindungssystem bleibt innerlich in Alarmbereitschaft – ständig wachsam, ob die Verbindung stabil bleibt.
Wichtig ist: Es geht nicht um Schuld – sondern um ein tieferes Verstehen. Viele Eltern haben selbst keine sicheren Bindungserfahrungen gemacht oder sind überfordert. Bindung entsteht nie im luftleeren Raum – sie ist immer auch geprägt von dem, was Menschen gerade tragen oder nicht tragen können. Belastende äußere Umstände, wie Trennung der Eltern, Krankheit, Sucht, psychische Belastung, Flucht, Armut oder emotionale Vernachlässigung können zu einer ängstlichen Bindung beitragen.
Ein Bindungsstil ist keine feste Identität, sondern ein inneres Muster, das sich einmal gebildet hat, um emotional zu überleben. Und genau darin liegt die Chance: Muster sind veränderbar.
Merkmale einer ängstlichen Bindung im Erwachsenenleben – und warum sich alte Muster wiederholen
Auch wenn unsere Bindungsmuster in der frühen Kindheit entstehen, zeigen sie sich ganz deutlich im Erwachsenenleben – vor allem in engen, emotional bedeutsamen Beziehungen. In der Erwachsenenbindungsforschung – z. B. durch Mary Main, Phillip Shaver oder Bartholomew & Horowitz – wurden die ursprünglichen Begriffe aus der Kindheitsforschung angepasst. So wird der ängstlich-ambivalente Bindungsstil bei Erwachsenen umbenannt in anxious-preoccupied, was am besten mit “besorgter Bindungsstil” übersetzt werden kann, um den Fokus auf die emotionale Überinvolviertheit und das ständige gedankliche Kreisen um Beziehungsthemen zu betonen.
Menschen mit diesem Stil erleben Beziehungen oft als emotional intensiv, aber auch instabil. Sie haben ein großes Bedürfnis nach Nähe und Bestätigung – gleichzeitig aber ständig Angst, nicht genug zu sein, verlassen zu werden oder „zu viel“ zu sein.
Diese Menschen reagieren stark auf kleinste Zeichen von Distanz – selbst wenn sie objektiv nicht bedrohlich sind. Ein verspäteter Anruf, ein kurzer Blick, eine unklare Nachricht können heftige innere Reaktionen auslösen.
Das liegt daran, dass das innere Bindungssystem ständig in Alarmbereitschaft ist. Es interpretiert Beziehungsreize nicht neutral, sondern durch eine Brille der Unsicherheit und Angst.
Und hier entsteht ein Teufelskreis:
Die Realität – z. B. ein wertschätzender Partner – passt nicht zum inneren Erleben, weil das Bindungssystem auf alte Erfahrungen programmiert ist. Selbst in stabilen Beziehungen fühlen sich Betroffene oft „nicht sicher genug“. Die Folge: klammerndes Verhalten, ständige Rückversicherung, intensive Gefühlsausbrüche oder Rückzug – was wiederum zu Konflikten führt und Nähe gefährdet.
Viele Betroffene merken, dass sie immer wieder „Pech in der Liebe” haben und „irgendwie immer wieder an die Falschen geraten“ – oft sogar an vermeidend gebundene Partner:innen. Diese Dynamik fühlt sich schmerzhaft vertraut an, denn sie erinnert unbewusst an die instabile Verbindung zu früheren Bezugspersonen: Nähe wird ersehnt, aber nie wirklich sicher erlebt.
Das emotionale Muster bleibt also gleich – selbst wenn die äußeren Bedingungen sich verändern. Solange das zugrunde liegende Bindungsmuster unbewusst bleibt, wiederholen sich Beziehungserfahrungen.
Warum Verlustangst nicht Bindungsangst ist
Häufig wird Verlustangst mit Bindungsangst verwechselt. Menschen mit ängstlich-ambivalentem Stil haben meist Verlustangst – nicht Bindungsangst. Sie haben eine übergroße Sehnsucht nach Bindung und Angst, sie wieder zu verlieren.
Verlustangst bedeutet: Ich habe Angst, verlassen zu werden. Ich brauche Nähe und Kontakt, um mich sicher zu fühlen. Diese Verlustangst ist tief verankert und geht oft einher mit einer unsicheren Selbstwahrnehmung: „Bin ich überhaupt liebenswert?“ – „Was bleibt von mir, wenn ich allein bin?“. Das eigene Wohlbefinden wird stark vom Partner, von dessen Reaktionen und vom Beziehungserfolg abhängig gemacht. Die eigene Selbstregulation fällt schwer, man braucht den anderen, um sich zu beruhigen und als Rückversicherung.
Bindungsangst hingegen bedeutet: Ich habe Angst vor Bindung und davor, mich zu verlieren. Ich brauche Abstand, um mich sicher zu fühlen. Meist haben Menschen mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil Angst vor zu viel Nähe und Verbindung, was einher geht mit einem einem hohen Maß an Autonomiebedürfnis.
Bindungsmuster verstehen – und verändern
Veränderung beginnt mit Bewusstheit. Viele Menschen erleben diese Muster, ohne sie benennen zu können – und halten sie für „normal“ oder „halt mein Charakter“. Aber es sind Muster. Und genau darin liegt die Chance: Muster sind veränderbar.
Zentral ist, dass du beginnst, deine Gefühle wahrzunehmen, zu benennen – und zu lernen, sie zu halten, ohne sie sofort abwehren oder an andere weitergeben zu müssen. Für viele mit diesem Bindungsstil ist das herausfordernd, weil ihre Gefühle stark, schnell und überwältigend sind.
Statt sich also sofort zu fragen: „Wie werde ich dieses Gefühl los?“, darf die Frage eher lauten:
„Wie kann ich lernen, dieses Gefühl zu halten, ohne mich davon bestimmen zu lassen?“
Das bedeutet: innere Zustände wahrnehmen, benennen, sich selbst beruhigen – und dabei liebevoll mit sich zu bleiben, auch wenn die alten Muster anspringen.
Veränderung entsteht aus dieser Selbstbeziehung. Aus dem achtsamen Beobachten, dem Üben von Selbstmitgefühl, der Fähigkeit, in Kontakt zu bleiben – mit sich selbst und anderen.
Hilfreich sind:
Selbstmitgefühl statt Selbstkritik
Achtsamkeit und Körperarbeit
Das Erkennen der Triggerpunkte
Neue Beziehungserfahrungen (z. B. in einer Therapie oder sicheren Partnerschaft)
Ein klareres Verständnis für das, was wirklich in dir passiert – jenseits von „Ich bin zu emotional“ oder „Ich reagiere über“
All dies kann deinem Nervensystem helfen, sich sicherer zu fühlen. Wenn du z. B. lernst, dich in einem intensiven Moment selbst zu beruhigen, statt sofort nach außen zu reagieren, entsteht langsam ein Gefühl von innerer Sicherheit – unabhängig vom Verhalten anderer.
Wann sollte ich mir Hilfe holen – und warum neue Beziehungserfahrungen so wichtig sind
Viele Menschen wünschen sich, ihren Bindungsstil einfach loszuwerden – endlich ruhiger zu sein, keine Verlustangst mehr zu spüren, nicht mehr so stark zu klammern. Doch echte Veränderung beginnt nicht damit, etwas wegzudrücken, sondern mit dem Zuwenden, Verstehen und dem Halten.
Ein ängstlicher oder besorgter Bindungsstil bedeutet nicht, dass du „kaputt“ bist. Er zeigt, dass du Überlebensstrategien entwickelt hast, um mit unsicheren Beziehungen zurechtzukommen.
Heute brauchst du diese Strategien vielleicht nicht mehr. Aber dein Nervensystem weiß das noch nicht. Es reagiert so, wie es damals gelernt hat.
In einer therapeutischen oder beraterischen Beziehung kann genau das geschehen: eine korrigierende Erfahrung, in der jemand da ist, wenn es schwierig wird. Jemand, der nicht bewertet oder sich zurückzieht, wenn es emotional wird. Jemand, der mit dir gemeinsam hält, was in dir auftaucht – und es dir verdaulich und liebevoll zurückspiegelt (dies wird auch oft als „Containing“ bezeichnet).
Fazit: Veränderung beginnt mit Verständnis – und du musst es nicht allein schaffen
Ein ängstlich-ambivalenter Bindungsstil ist kein Persönlichkeitsfehler und auch kein Zeichen von Schwäche. Er ist die Folge früher Erfahrungen, in denen Beziehung nicht zuverlässig oder sicher erlebt werden konnte – und ein Muster, das sich entwickelt hat, um emotional zu überleben.
Diese Muster sind stark. Sie beeinflussen, wie wir fühlen, denken, handeln – besonders in Beziehungen. Und sie bringen uns immer wieder an ähnliche emotionale Orte: Angst, Überforderung, Enttäuschung, Sehnsucht, manchmal sogar Verzweiflung. Doch das bedeutet nicht, dass du für immer in diesen Schleifen gefangen bleiben musst.
Veränderung ist möglich – aber sie beginnt nicht mit Druck oder Selbstkritik, sondern mit Verständnis und Mitgefühl für dich selbst. Mit dem Mut, hinzuschauen, zu fühlen und dich selbst besser kennenzulernen. Und mit der Bereitschaft, neue Erfahrungen zuzulassen – in einem sicheren Rahmen, in dem du mit deinen Gefühlen nicht allein bist.
Unsere Psychologinnen stehen dir über unsere App AllyTime auch persönlich zur Seite.